5G als Enabler flächendeckender digitaler Gesundheitsversorgung

Axel Wehmeier (Telekom Healthcare Solutions)

Als Christiaan Barnard vor 50 Jahren, am 3. Dezember 1967, die erste Herztransplantation vornahm, war das eine weltweite Sensation. Er schaffte es, einem Patienten das Herz eines Unfallopfers einzupflanzen – mit dem neuen Herzen konnte der  Patient immerhin 18 Tage überleben.

Seitdem sind Herztransplantationen für spezialisierte Kliniken Routine. 2015 wurden alleine in Deutschland 286 Transplantationen durchgeführt. Doch obwohl die Bevölkerung älter wird – im Jahr 2015 setzte sich der Abwärtstrend der Vorjahre sowohl bei den Herztransplantationen in Deutschland als auch bei den Neuanmeldungen zur Transplantation weiter fort. Einfluss auf die Zahl der Herztransplantationen haben neben den limitierten postmortalen Herztransplantaten die Veränderung in der Indikationsstellung zur Herztransplantation, eine vermehrte Routineanwendung von Herzunterstützungssystemen und verbesserte konservative medikamentöse Therapien in der Behandlung von Herzkrankheiten.1

Gerade bei Herzinsuffizienz kann eine telemedizinische Versorgung ein immer wichtigerer Baustein in der medizinischen Versorgung werden. Die rasante Entwicklung von mobilen Datennetzen in puncto Übertragungsgeschwindigkeit und Netzabdeckung ermöglicht heute die breite Anwendung von Telemonitoring durch mobile Medizingeräte. Echtzeitübertragung von Vitaldaten geben Arzt und Patienten gleichermaßen mehr Sicherheit, chronische Krankheiten mit hohem Risiko auch zu Hause rund um die Uhr zu betreuen. Die sichere Vernetzung, gekoppelt mit der elektronischen Patientendokumentation und IT-gestützte Behandlungsprozesse, bilden das Kernstück der Telemedizin und sorgen so nicht nur für mehr Patientensicherheit und eine optimale poststationäre Versorgung, sondern auch für effektive Hilfe in häuslichen Notsituationen.

Dabei steht technologisch die Telemedizin erst am Anfang. Ein Aspekt sind dabei die immer kleineren, immer leistungsfähigeren Medizinprodukte. Ein anderer ist die Perspektive des zukünftigen Mobilfunkstandards 5G, der mit Beginn der 2020er Jahre in die Implementierung gehen wird. Dieser verspricht nicht nur eine weitere dramatische Steigerung der Übertragungsgeschwindigkeiten, sondern auch deutlich verringerte Latenz- und signifikant höhere Batterielaufzeiten. Die permanente Versendung vielfältiger Vitaldaten wird so ebenso standardisiert beherrschbar, wie Operieren aus der Ferne. Die Internetverbindung vom Patienten zuhause zum telemedizinischen Versorger in der Arztpraxis oder der Klinik wird somit vom soliden Regionalexpress zum Hochgeschwindigkeits-ICE.

Unser Leben hat sich in den letzten zwei Dekaden radikal gewandelt: Wir kommunizieren schneller und überall – Mails, Telefonate, aber auch umfangreiche Videostreams von unterwegs sind selbstverständlich geworden. Wir können heute Bankgeschäfte mobil erledigen, Versandhäuser bieten den „Same-Day-Lieferservice“, Bahn-, Flug- oder Kinotickets lassen wir uns aufs Handy schicken um das Anstehen an Kassenautomaten zu vermeiden. Das mag man verteufeln, der technologische Fortschritt ist aber der Antrieb für unser Wirtschaftssystem und unseren Wohlstand. „Ich, immer, überall und jetzt“ (Karl-Heinz Land)2 ist das Mantra der Informationsgesellschaft.

Dieser Anspruch wird auch Einfluss auf die zukünftige Gesundheitsversorgung haben. Patienten erwarten, dass sie nicht lange auf Termine beim Arzt warten müssen. Sie begrüßen es, wenn eine Videosprechstunde lange Wartezeiten am Wochenende in den Ambulanzen überflüssig macht. Medikamente sollen möglichst schnell verfügbar sein und ebenso schnell wirken. Der Bescheid über die Kostenübernahme etwa von Zahnersatz soll zeitnah erfolgen, ebenso wie die Abrechnungen zwischen Ärzten und Krankenkassen. Es liegt auf der Hand, dass Digitalisierung auch im deutschen Gesundheitswesen unumgänglich ist – sei es bei der einfachen Erstellung von Online-Terminvergaben, der Einrichtung von Video-Sprechstunden, der Analyse von personalisierter Medizin, oder auch der Digitalisierung von Abrechnungsdaten.

Ein schnelles und sicheres Internet, Angebote, die passend sind für die Anforderungen der jeweiligen Anwendung – das wird auch im Gesundheitswesen die Herausforderung für die Zukunft sein. Schon heute gibt es eine Maschine, die MRT-Bilder exakter auswerten kann als ein ausgebildeter Radiologe. Big Data bietet die Möglichkeit, riesige Datenmengen in Sekundenschnelle auszuwerten – ungeahnte Möglichkeiten bei der Behandlung von seltenen Erkrankungen oder der Entwicklung von personalisierter Medizin.

Auch in der medizinischen Versorgung gelten mit Blick auf den Mobilfunktstandard der nächsten Generation die Aussagen von Tim Höttges auf dem Mobile World Congress 2017 in Barcelona: „5G ist mehr als ein Standard, 5G ist ein ‚Enabler‘.“ 5G umfasst verschiedene Netze, Technologien und Anwendungen. Die Übertragungsgeschwindigkeit soll dann etwa das 10-fache der LTE-Geschwindigkeit betragen und unter anderem die Konnektivität von Maschinen und Geräten verbessern. Mit 5G sollen extreme Bandbreiten möglich sein, Latenzen unter einer Millisekunde und garantierte Verfügbarkeit für Abermillionen von Geräten. Auch in der Medizin wird das „Internet der Dinge“ mit 5G Realität.

Deutschland soll zum ersten Land mit einem flächendeckenden 5G-Mobilfunknetz werden. Das sieht die neue Initiative „5 Schritte zu 5G“ des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur vor. Zu den fünf Schritten gehört unter anderem, Frequenzen bereitzustellen und den 5G-Rollout zu beschleunigen.3 Auch in der EU erkennt man die Chancen von 5G und möchte bei der Zukunftstechnologie von Anfang an dabei sein und hat einen 5G Action Plan4 vorgelegt. Ab 2020 ist die 5G-Technologie soweit ausgereift, dass sie kommerziell genutzt werden kann. Wichtig ist deshalb, dass der Standardisierungsprozess möglichst schnell abläuft und die Frequenzen bereitgestellt werden. Auch 5G benötigt Spektrum und das zu vernünftigen Konditionen.

Bei der weltweiten Entwicklung des nächsten Mobilfunkstandards 5G haben sich maßgebliche Netzbetreiber aus Asien, Amerika und Europa, darunter auch die Deutsche Telekom, unter dem Dach der NGMN-Allianz5 zusammengeschlossen, um eine einheitliche Netzinfrastruktur für die Kunden zu schaffen. In Deutschland verfolgt die „Zukunftsoffensive Gigabit-Deutschland“ das Ziel, bis 2025 ein flächendeckendes Breitbandnetz mit Fokus auf 5G aufzubauen. Die Investitionen werden sich auf 100 Milliarden Euro belaufen, wovon die Industrie mit 80 Milliarden Euro den Hauptteil beisteuern wird. Der Bund wird etwa 20 Milliarden Euro an Fördermitteln zur Verfügung stellen.6

Technologisch wird 5G neue, bisher ungeahnte Möglichkeiten in der medizinischen Versorgung eröffnen. Fraglich ist, wann diese Möglichkeiten in der Versorgungsrealität ankommen. Bisher hat Telemedizin trotz hunderter von Pilotprojekten und unterschiedlicher Aktivitäten des Gesetzgebers keinen Eingang in die Regelversorgung gefunden. Ebenso sind die Prozesse in der Gesundheitsversorgung immer noch extrem träge im Vergleich zu anderen Branchen.

Mit der Einführung von 5G in wenigen Jahren kann daher erwartet werden, dass diese digitale Divergenz der Sektoren sich weiter verstärken wird. Aber: die Diskussionen um Strukturen und Schnittstellen werden die Patienten immer weniger interessieren. Zu Recht. Der Patient erwartet, dass er an jedem Ort in Deutschland barrierefreien Zugang zu medizinischer Versorgung und benötigten Arzneimitteln hat. Er erwartet, dass seine Gesundheitsdaten sicher und für alle am Versorgungsprozess Beteiligten zur Verfügung stehen und dass er in naher Zukunft diese Daten auch mobil benutzen kann. Warum soll ausgerechnet in unserem größten und für die Menschen wichtigsten Sektor – dem Gesundheitswesen – Digitalisierung nicht stattfinden?

Spätestens 5G braucht eine effektivere Digitalisierungspolitik für das Gesundheitswesen. Patienten bzw. Wähler erwarten, dass das alles funktioniert.

  1. https://www.dso.de/organspende-und-transplantation/transplantation/herztransplantation.html
  2. Digitaler Darwinist und Evangelist und Gründer der Strategie- und Transformationsberatung neuland
  3. https://www.bmvi.de/SharedDocs/DE/Pressemitteilungen/2016/154-dobrindt-5g-konferenz.html
  4. https://ec.europa.eu/digital-single-market/en/5g-europe-action-plan
  5. Ziel der Next Generation Mobile Networks (NGMN) – Allianz, einer Vereinigung internationaler Mobilfunkanbieter, ist es, einen globalen 5G-Mobilfunkstandard zu etablieren. Zu diesem Zweck wurden unter anderem Anforderungen in einem Whitepaper formuliert. Weiterführende Informationen sind verfügbar unter https://www.ngmn.org/home.html.
  6. http://www.bmvi.de/SharedDocs/DE/Anlage/Presse/029-dobrindt-netzallianz-zukunftsoffensive.pdf?__blob=publicationFile